125 Jahre Deutscher Schachbund

Dr. Emanuel Lasker, Schachweltmeister 1894 - 1921

Beim Kongress des Mitteldeutschen Schachbundes 1877 in Leipzig wurde aus Anlass des 50. Schachjubiläums von Adolf Anderssen der Wunsch vieler regionaler Schachverbände, sich zum Deutschen Schachbund zusammenzuschließen, in die Tat umgesetzt und am Abend des 18. Juli 1877 im Rahmen eines Festbanketts der Deutsche Schachbund gegründet.

Alle zwei Jahre wurde ein Bundeskongress veranstaltet, der fast immer mit einem internationalen Meisterturnier verbunden war. Nur beim Gründungskongress errang mit Louis Paulsen ein Deutscher den Sieg, sonst fielen im ersten Jahrzehnt des Bestehens die ersten Preise an ausländische Spieler. Erst 1889 in Breslau gelang es Dr. Siegbert Tarrasch, die internationale Elite auf die Plätze zu verweisen. Er konnte diesen Erfolg 1892 in Dresden und 1894 in Leipzig wiederholen.

Zu dieser Zeit gehörten dem DSB etwa 90 Vereine mit annähernd 3.000 Mitgliedern an.

Bis 1900 wurde der DSB ausschließlich von einem Generalsekretär geleitet - Hermann Zwanzig (1877 - 1894), Dr. Max Lange (1894 - 1899) und Dr. Cornelius Trimborn (1899 - 1900).

Erst ab 1900 wurde eine Vorstandsschaft gebildet, die aus dem Vorsitzenden, seinem Stellvertreter, dem Schatzmeister, Schriftführer und Schachwart bestand.

Bis zum Beginn des ersten Weltkrieges wuchs der DSB kontinuierlich an und hatte 1914 182 Vereine mit rund 5.000 Mitgliedern und ein Vermögen von 18.000 Goldmark.

Herausragende Schachmeister dieser Jahre waren Dr. Siegbert Tarrasch und vor allem Dr. Emanuel Lasker, Schachweltmeister von 1894 - 1921.

Nach Krieg und Revolution fand der 20. Kongress erst 1920 in Berlin statt mit vier parallel geschalteten Hauptturnieren an Stelle des Meisterturniers.

1926 trat der DSB dem am 20. Juli 1924 gegründeten Weltschachbund FIDE bei.


Zum Zeitpunkt der Machtübernahme des Nationalsozialismus 1933 bestand der DSB aus 21 Landesverbänden mit 10.000 Mitgliedern. Daneben waren die deutschen Schachspieler in SPD-Arbeiterschachvereinen (ca. 10.000), KPD-Schachvereinen (ca. 2.500), in drei katholischen Schachorganisationen (ca. 10.000) und im Deutsch-Nationalen Handlungsgehilfen-Verband (ca. 2.500) organisiert. Zusätzlich gab es den nationalsozialistischen Großdeutschen Schachbund (GSB), 1931 gegründet, der ab 1933 entsprechend der nationalsozialistischen Politik das Schachleben in Deutschland gleichschaltete. Alle anderen Schachorganisationen wurden aufgelöst oder lösten sich unter politischem Druck selbst auf. Jüdische Schachspieler wurden aus den deutschen Schachvereinen ausgeschlossen, berühmte jüdische Schachmeister verloren ihre schachliche Heimat in Deutschland. So mussten z. B. selbst Ex-Schachweltmeister Dr. Emanuel Lasker und der berühmte Jaques Mieses emigrieren.

Da die Nationalsozialisten Schach zu einem geistigen Kampfspiel aller Deutschen machen wollten, wurde Schach zunächst sehr gefördert. Höhepunkte dieser Entwicklung waren reichsweite Werbewochen und die Ausrichtung der inoffiziellen Schach-Olympiade München 1936 (der GSB war 1933 aus der FIDE ausgetreten; 21 Nationen nahmen teil). Dann merkten auch die Nazis, dass sich die Schachspieler nicht zu strammen Schachsoldaten umformen ließen. Das Gerangel um das deutsche Schach zwischen dem GSB und der KdF ging dann in den Kriegsjahren unter, als immer mehr Schachspieler an den Fronten kämpften und starben. Trotzdem kam das Schachleben in Deutschland, zumindest vereinzelt, selbst bis in den Bombenhagel der letzten Kriegstage nie zum Erliegen.


Großmeister Wolfgang Unzicker, Deutscher Rekordmeister · Symbol des Deutschen Nachkriegsschachs

Wenn auch stark dezimiert und in größter wirtschaftlicher Not, und obwohl die Schachorganisationen nicht mehr existieren: Schach wurde auch nach Kriegsende weiter gespielt und organisiert. Schon 1946 wurde die Arbeitsgemeinschaft deutscher Schachverbände ins Leben gerufen, 1947 fand die erste deutsche Nachkriegsmeisterschaft in Weidenau statt und 1950 wurde in Wiesbaden der Deutsche Schachbund wieder gegründet, der auch zu den Gründungsvätern des Deutschen Sportbundes zählte.

In den folgenden Jahrzehnten wurde der Deutsche Schachbund unter den Präsidenten Richard Czaya (1950 - 1951), Emil Dähne (1951 - 1968), Ludwig Schneider (1969 - 1975), Alfred Kinzel (1975 - 1983), Heinz Hohlfeld (1983 - 1989) und Egon Ditt (ab 1989) zu einem modernen Dienstleistungsverband mit Absicherung der Gemeinnützigkeit, Einrichtung einer Geschäftsstelle in Berlin mit hauptamtlichen Mitarbeitern, Umstrukturierung der Landesverbände nach den Grenzen der Bundesländer, Gründung der eigenständigen Deutschen Schachjugend (DSJ), einem modernen Lehr- und Ausbildungswesen, einer Wirtschafts-GmbH, Internet-Präsentationen, durchgängigen Turnier- und Spielbetrieben in den Bereichen Jugend, Erwachsene, Frauen und Senioren, umfangreiche Aktivitäten im Breitenschach und computergestützter Datenverwaltung.

Spielerisch sind diese Jahre geprägt durch großartige Schacherfolge, wie den Gewinn der Bronze-Medaille bei der Schach-Olympiade 1964 in Israel und der Silber-Medaille 2000 in der Türkei. Klaus Darga gewann 1953 punktgleich mit Panno (Argentinien) die Jugendweltmeisterschaft und Wolfgang Unzicker und Dr. Robert Hübner errangen jahrzehntelang größte nationale und internationale Schacherfolge.

Großmeister Wolfgang Uhlmann, erfolgreicher Schachrepräsentant des DSV der DDR

Von 1946 bis 1989 hatte sich zunächst in der russischen Besatzungszone, später in der DDR ein eigenständiges Schachleben entwickelt. Am 27. April 1958 wurde in Leipzig der Deutsche Schachverband der DDR (DSV) gegründet.

Höhepunkte der fast 40-jährigen Geschichte des DSV war unter anderem die Ausrichtung der XIV. Schach-Olympiade 1960 in Leipzig. Die Damenmannschaft errang die Bronze-Medaille bei der Schach-Olympiade der Frauen 1957 in Emden und 1963 in Split. Bei der TELE-Schach-Olympiade wurde das DSV-Team Weltmeister. Herausragend auch die Erfolge im Fernschach: Weltmeisterschaften durch Horst Rittner (1971) und Dr. Fritz Baumbach (1988). Herausragender Spieler all dieser Jahre war Wolfgang Uhlmann.

Großmeister Robert Hübner, Deutsche Weltspitze mit Erreichen des WM-Kandidaten-Finales 1980

Die 1970 gebildete selbstständige Deutsche Schachjugend gestaltet und verwaltet in eigener Verantwortlichkeit den Jugendbereich. Ihre größten Erfolge:

Roman Slobodjan wurde 1995 Weltmeister U20, Fabian Döttling 1996 Europameister U16 und Leonid Kritz 1999 Weltmeister U16.

Nach der Wiedervereinigung konnte auch das Deutsche Schach - nach Bildung der Landesschachbünde Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und des Gesamtberliner Schachverbandes - 1989 in Leipzig seine Zusammenführung im Deutschen Schachbund feierlich begehen mit fast 100.000 Mitgliedern in etwa 3.000 Schachvereinen.

Ernst Bedau

Es ist ein moderner Verband, der 2002 sein 125-jähriges Bestehen feiert. Der Deutsche Schachbund ist wohl gerüstet für die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte.

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